Sonntag, 2. Juni 2013

Squeri - Gondelwerften


In vielen Reiseführern ist die pittoreske Gondelwerft am Rio San Trovaso abgebildet. Oft liest man in der Beschreibung, dies sei der letzte Ort, an dem in Venedig Gondeln gebaut würden. Und da ja bekanntlich gerne einer vom anderen abschreibt, hat sich diese Ansicht weit verbreitet.

Auch die vielzitierte (und mit äußerster Vorsicht zu benutzende) deutsche Wikipedia führt diese Behauptung an mindestens zwei Stellen an. Wikipedia schafft es sogar, in einem einzigen Artikel den Squero San Trovaso als letzte Gondelwerft zu verkaufen (Venedig#Wirtschaftsgeb.C3.A4ude) und trotzdem zu verkünden "Es bestehen mindestens drei Werften, die auch Gondeln bauen" (Venedig#Gondeln).

Squero San Trovaso, Photo by Gunther H.G. Geick
Squero San Trovaso

Aber auch durch vieles Wiederholen wird ein Irrtum nicht zur Wahrheit oder wie schon der Geheimrath von Goethe schrieb: „Getretener Quark wird breit, nicht stark“.


Auf der website "http://vogaveneta.altervista.org/squeri2.htm" (die allerdings offenbar seit 2011 nicht mehr gepflegt wurde) werden fünf aktive „squeri“ - Gondelwerften - aufgeführt. Davon liegen zwei auf der Giudecca, die anderen drei in Dorsoduro:


Gondeldekoration, Photo by Gunther H.G. Geick
Ein Seepferdchen als Gondelzierde,
Auf einer Gondel im Durchgang zu den Werften auf der Giudecca


Die bedeutendsten Gondelbauer, die in Venedig noch tätig sind, arbeiten in Dorsoduro 1542, an der Ponte Sartorio. Dort liegt der Squero*) der Firma Domenico Tramontin & Figli und dort wurden in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten asymmetrischen Gondeln entworfen und gebaut.

Der „mastro d'ascia“**) Domenico Tramontin machte die Steuerbordseite der Gondel um etwa einen viertel Meter kürzer als die Backbordseite. Die so entstandene Krümmung des Rumpfes ermöglichte es, das Boot von nur einem Gondoliere rudern zu lassen, der den Riemen immer auf der rechten, der Steuerbordseite eintaucht. Bis dahin wurden Gondeln üblicherweise von zwei, manchmal auch von vier Männern gerudert, die am Heck und am Bug des Bootes standen.

Domenico Tramontin & Figli


Eine weitere aktive Werft, die auch Gondeln baut, die Firma Daniele Bonaldo in Dorsoduro 1545, liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Squero Tramontin.

Zwei weitere kommerzielle Gondelwerften befinden sich auf der Giudecca. Es sind die Firmen Cantiere Crea di Vianello Gianfranco, Giudecca 212, und Cantiere Dei Rossi Roberto s.n.c., Giudecca 866/A.

Der Squero di San Trovaso ist eigentlich die Reparaturwerft der „Schiffer“-Genossenschaft Cooperativa Daniele Manin – und mehr so etwas wie eine Museumswerft, als ein Schiffbaubetrieb.
Die italienische Wikipedia führt noch, allerdings ohne genauere Ortsangabe, zwei weitere Werften in Castello an. Wenn mich nicht alles täuscht, sind es diese beiden „squeri“:

  • Squero San Giuseppe della Società di Mutuo Soccorso fra Carpentieri e Calfati, Castello 625/A (Corte Martin Novello),
    website: http://www.smscc.it/ und
  • Squero della Società Remiera Casteo, Castello 1, Sant’Elena, Campo della Chiesa,
    website: http://www.remieracasteo.it/

Beide Werften sind nicht-kommerzielle Vereinswerften.

Squero Casal ai Servi, Photo by Gunther H.G. Geick
Squero Casal ai Servi

Squeri, die nicht mehr in Betrieb sind, die keine Gondeln mehr bauen, die zweckentfremdet wurden oder die - wie die Werft Squero Casal ai Servi der Associazione Arzanà - musealen Zwecken dienen, gibt es noch etliche in Venedig.

Squero am Rio dei Mendicanti, Photo by Gunther H.G. Geick
Squero am Rio dei Mendicanti





*) Der Begriff „squero“ (m,sg - pl: „squeri“) wird von „squara“ hergeleitet, der im venezianischen Dialekt für „squadra“, italienisch für „Winkelmesser“ / „Winkeldreieck“ / „Geometrie-Dreieck“ steht, ein Instrument, dessen sich die Bootsbauer bei der Konstruktion bedienen.

Giuseppe Boerio schreibt im „Dizionario del Dialetto Veneziano“ (Venezia 1829), dass diese Werften einst „squadra“ genannt wurden.

Eine andere Erklärung bietet die Herkunft von dem griechischen Wort „εσχαριον“ („eschárion“). In Wilhelm Papes „Handwörterbuch der griechischen Sprache“ (Braunschweig 1914, Band 1, S. 1045) heißt es: „εσχαριον, το, dim. von εσχαρα, Feuergestell, Kohlenpfanne, Ar. bei Poll. 10, 101; übh. Gestell, Unterlage, Pol. 9, 41, 4 u. a. Sp., wie D. Sic. 20, 91. Bei Ath. V, 204 c ein Gerüst, um Schiffe ins Meer zu lassen.“


**) „Mastro d'Ascia“ oder „Maestro d'Ascia", also „Meister der Axt“, nannte man die Bootsbauer in einer Zeit, als diese dem Schiffbauholz, insbesondere den Spanten, die Form noch durch Bearbeitung mit der Handaxt gaben.


Der Aphorismus über den Quark steht übrigens hier: Johann Wolfgang von Goethe, West-östlicher Divan, Stuttgart 1819







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